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Zugunglück
(Stand: 16.03.2017)

» Zugunglück im Bredower Luch am 10.10.1945 «
 
Dieser Artikel behandelt das Zugunglück vom 10.10.1945 im Bredower Luch. Mit freundlicher Genehmigung des Autors, Ulrich M. Schönknecht, veröffentlichen wir den Artikel so, wie er in der "Märkischen Allgemeinen Zeitung" erschien. Teil 1 am Freitag, den 24.07.2016 und Teil 2 in der Wochenendausgabe vom 25./26.07.2016. Wer dazu weitere Hinweise hat, kann sich gern bei mir melden (webmaster [at] 14641-bredow.de). Ich stelle auch auf Wunsch den Kontakt zum Autor her.

Hier ein Kartenausschnitt von Google-Maps. Zu sehen ist rechts unterhalb des Wortes "Bredow- Luch" die Brücke über den Kanal. Über die Verlängerung der Dammstraße in Bredow kommt man zu dieser Brücke. Doch vorher unterquert man eine alte Brücke, die der Umgehungsstrecke der Nebenbahn Oranienburg - Nauen - Jüterbog (Info hier). Diese Strecke wurde stillgelegt, die alten Brücken stehen aber noch. Unter dieser Brücke durch den Weg immer weiter bis zur nächsten Brücke, die den Großen Havelländischen Hauptkanal überquert. Unter der Brücke durch und nach links wenden, kann man entlang der Bahnlinie bis nach Nauen laufen. Eine mit Fotos versehene Wegbeschreibung findet man hier.

Klaus-Peter Fitzner
 
Vor 70 Jahren: Eisenbahnunglück bei Nauen
16 Menschen starben und etliche wurden verletzt, als im Oktober 1945 ein Vorort- auf einen Güterzug prallte (Teil 1)

Von Ulrich M. Schönknecht

Nauen -  Vor sieben Jahren berichtete die MAZ über ein schweres Eisenbahnunglück in Falkensee mit mindestens 17 Toten und vielen Verletzten, das sich am 3. Dezember 1948 kurz nach 6 Uhr ereignete. Der überfüllte Personenzug P 213 aus Schwerin fuhr, fast ungebremst, auf den in Falkensee wartenden Vorortszug Vt 1002 Spandau West -Nauen auf.

 Fast vergessen ist dagegen ein ebenso trauriges Eisenbahnunglück mit 16 Toten, das sich am 10. Oktober 1945 vor dem Bahnhof Nauen ereignet hat und sich damit nun auch zum 70. Mal jährt. Kurz nach Kriegsende waren Berliner und Brandenburger schon in Friedensstimmung und mitten in den Aufräumarbeiten. Es war gerade mal etwas mehr als fünf Monate her, dass amerikanische Bomber einen schweren Luftangriff auf Nauen geflogen hatten. Mehr als 80 Menschen starben dabei, der Bahnhof und umliegende Stadtgebiete erlitten schwere Zerstörungen.

 Grund hierfür war wohl, dass die Hamburger Bahn bis dahin die letzte befahrbare Strecke aus der eingeschlossenen Reichshauptstadt war. Man kann sich das Aufatmen und die neue Lebensfreude der Bevölkerung in Nauen - trotz aller Repressalien durch die Besatzer - vorstellen, als der schreckliche Krieg am 24. April dort zu Ende

 

war. Man begann nach Verwandten zu suchen und sich im "Frieden" einzurichten.

 Mein Onkel Hans Dorn, ein leitender Ingenieur bei der Brandenburgischen Wasserverwaltung, lebte damals mit seiner Frau Charlotte und drei kleinen Kindern in der Bergstraße 20 "auf dem Berge", wie die Nauener sagten. Froh darüber, dass die Vorortbahn Spandau-West - Falkensee dreimal täglich wieder fuhr, war das Paar am 10. Oktober zum ersten Mal nach Kriegsende nach Berlin aufgebrochen, um dort Verwandte zu suchen. Die Strecke war nur eingleisig befahrbar, da die Besatzungstruppen ab dem 20. Mai 1945 Nauener Frauen dazu aufgefordert hatten, ein Gleis zu demontieren. Schienen und Schrauben wurden dann in die Sowjetunion transportiert. (Insgesamt sollen bis 1947 12 000 Kilometer Schienen aus Deutschland in die Sowjetunion gebracht worden sein.) Einzig im Bahnhof Nauen selbst gab es ein zusätzliches Ausweichgleis.

 Der letzte Zug nach Nauen, der so genannte "Lumpensammler" hatte an diesem Tage große Verspätung und erreichte Brieselang gegen 22 Uhr. Hier stiegen einige Reisende zu, aber vor allem stiegen viele Personen dort aus, um am Zug entlang zu den vorderen Waggons zu laufen. Dadurch wollte man sich den Weg zum Ausgang


Auch Charlotte und Hans Dorn kamen ums Leben.
Foto: Privat

im Bahnhof Nauen verkürzen. Es war eine fatale Entscheidung, wie sich herausstellen sollte.

 Der Fahrdienstleiter des Bahnhofs Brieselang Herbert H. gab die Ausfahrt frei, obwohl vor Nauen ein mit Kohle beladener Güterzug stand und auf die Einfahrt wartete. Es war ein sehr langer Zug, dessen Lok sich schon fast im Bahnhof Nauen befand. Aber gerade dieser Abschnitt war etwas abschüssig, so dass die Züge dort besonders schnell fuhren. So war es offenbar auch an diesem Tag. Auf der Höhe der Brücke über das Bredower Luch prallte der Vorortzug mit voller Wucht auf die höchstwahrschein-

 

lich unbeleuchteten letzten Wagen des Güterzuges. Lokführer und Heizer sprangen in letzter Sekunde ab und überlebten so.

 Beim Aufprall legten sich die ersten beiden Wagen quer und wurden mit den glühenden Kohlen der umstürzenden Lok überschüttet. Im Nu standen sie in Flammen. Diese Wagen hatten, wie damals üblich, einzelne Abteiltüren, die sich verklemmten oder seitlich auflagen. Ein Entkommen war unmöglich und die Opfer verbrannten bei lebendigem Leibe - unetr ihnen auch Charlotte und Hans Dorn, auf die zu Hause ihre drei kleinen Kinder und die Mütter des Paares warteten.

 Zur gleichen Zeit, am östlichen Rand von Nauen, erwartete auch die Mutter des 16-jährigen Helmut Preuß ihren Sohn. Dieser war noch am 14. März zur Wehrmacht eingezogen worden. Zuvor hatte er lange überlegt, ob er sich bis zum offensichtlich kurz bevorstehenden Kriegsende irgendwo verstecken sollte. Seine Mutter riet ihm aber dringend ab, weil erst vor ein paar Tagen mehrere Jungs in der gleichen Lage gefunden und standrechtlich erschossen worden waren. Preuß wurde nach Waren/Müritz befohlen. Sein Einsatzort sollte die Insel Sylt sein, auf der eigentlich der Krieg schon vorzeitig zu Ende war und keine Kämpfe mehr stattfanden. Die Engländer nahmen es kampflos ein und schickten den Jungen schon kurz nach dem offiziellen Kriegsende am 8. Mai 1945 nach Hause. Auf abenteuerlichen Wegen - per Anhalter, aber

 

meist durch das Aufspringen auf Güterzüge, von denen man aber nie wusste, wo sie hinfahren - schlug er sich nach nur drei Monaten als deutscher Soldat durch bis Eutin. Dort hatten sich Verwandte geflüchtet, die wiederum ihre Verwandten einluden, weil sie sich vor den Russen sicher fühlten. Mutter und Schwester aus Nauen und der Vater, Finanzbeamter in Hamburg, trafen sich dort.

 Wenig später schon war Helmut Preuß Lehrling bei einem Feinmechanikbetrieb in Finkenkrug und wartete nun am 10. Oktober dort im Bahnhof auf den "Lumpensammler" aus Berlin. Sonst fuhren meist fünf Lehrlinge gemeinsam zurück nach Nauen und stiegen auch jedesmal in den ersten Wagen. Nur heute, an einem Freitag, war der Junge allein. Da es schon kühl geworden war, wartete er im angenehm beheizten Warteraum von Finkenkrug und stieg, als sein Zug endlich eintraf, in der Mitte in einen Wagen. Schon müde, beobachtete er den Zughalt in Brieselang, wo wie üblich viele Reisende aus den hinteren Wagen nach vorn umstiegen. Kurz vor der Einfahrt in Nauen gab es plötzlich einen Knall, der Junge flog an die gegenüberliegende Abteilwand, ohne sich jedoch etwas anzutun. Er hörte benommen, wie Wasser rauschte und führte es auf das Bredower Luch zurück, in dem sich der Zug befand. Erst später wurde ihm klar, dass es sich um das Wasser der Lokomotive handeln musste, die jetzt umgestürzt auf dem Gleis lag.
(wird fortgesetzt)

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Er wird den Anblick nie vergessen können
Helmut Preuß war unter den Fahrgästen, die 1945 im Zug nach Nauen verunglückten (Teil 2, Schluss)

Von Ulrich M. Schönknecht

Nauen -  Fast vergessen ist das Eisenbahnunglück, das sich am 10. Oktober 1945 kurz vor Nauen ereignete und bei dem 16 Menschen starben. Der Vorortzug aus Spandau war nach 22 Uhr in Höhe der Brücke im Bredower Luch auf einen Güterzug aufgefahren. Dabei kamen vor allem die Fahrgäste im ersten und zweiten Waggon ums Leben. In der Mitte des Zuges saß Helmut Preuß, der durch den Aufprall gegen die Abteilwand geschleudert wurde, sich aber nicht verletzte. Geschockt hangelte er sich aus dem Wagen, sah erst jetzt das große Feuer und versuchte stolpernd am Schotterbett entlang zum vorderen Teil des Zuges zu kommen. Es war schon stockdunkel und nur der hohe Feuerschein beleuchtete die gespenstische Szene. An die brennenden Wagen und die Menschen darin heranzukommen war unmöglich. So standen sie alle, sprachlos, hilflos, und mussten zusehen, wie die Nauener verbrannten.

 Ich habe Helmut Preuß, inzwischen 86 Jahre alt, kürzlich zu seinen Erlebnissen befragen können. Vor mir saß kerzengerade ein alter Herr, dem man die Jahre keinesfalls anmerkte. Anderthalb Stunden lang sprach er über Nauen, seine Jugend und den grausamen Unfall, den er nur durch einen glücklichen Zufall überlebt hatte.

 

 Wie er berichtete, stolperte er nach dem Unglück weiter an den Gleisen entlang nach Nauen. Zu Hause, im ersten Stock einer Genossenschaftswohnung am Nauener Stadtrand, erwartete ihn seine Mutter, die aber wie viele Nauener noch nichts von dem Unglück mitbekommen hatte. Er zog sie schweigend zum Schlafzimmerfenster und zeigte ihr den Lichtschein am Himmel. Am nächsten Morgen lief er über die Feldmark zur Unglücksstelle und sah das ganze Ausmaß des Unglücks. Ganz allein stand er dort und fand Knochen und Schädel von etwa vier Opfern, weiß verbrannt, neben den Trümmern verstreut. Waren sie, brennend, aus dem Zug gestürzt oder geschleudert worden? Die Mehrzahl der Reisenden in den ersten beiden Wagen war jedoch eingeschlossen. Der Junge hatte sie gesehen, nie würde er diesen Anblick vergessen können. Erst nach geraumer Zeit wurde die Strecke nach Berlin wieder befahren.

 Ein Teil der Verletzten wurde noch in der Nacht nach Nauen gebracht, ein anderer Teil nach Falkensee. Letztere Stadt hat später versucht, von der Reichsbahn und anderen Stellen Entschädigung für die Kosten des Rettungseinsatzes zu erhalten. Die sowjetische

Besatzungsmacht nahm sich des Falls sofort an, zumal auch unter den Toten zwei Angehörige waren, Mikhail K. und Ivan V. Schon am 11. Oktober 1945 ging ein mit "Geheim" bezeichneter Bericht an die oberste sowjetische Kommandantur, in dem auch die Schuldigen benannt wurden, die man sofort verhaftet hatte. Der Fahrdienstleiter Reinhardt H. hatte sich durch Flucht seiner Verantwortung entzogen und wurde zur Fahndung ausgeschrieben. Es ist mir bisher nicht bekannt, was aus dem "Schuldigen" geworden ist. Die Zeitungen der Sowjetzone haben das Unglück nicht erwähnt, wohl auf Veranlassung der Sowjets. Es soll in Berliner Zeitungen berichtet worden sein, ich habe aber noch keine Kopie davon gesehen.

 Meine Cousins und meine Cousine, nunmehr Vollwaisen, erhielten amtliche Vormünder. Eine "Entschädigung" der Angehörigen gab es 1945 nicht, beim Unglück 1948 hatte die Hauptverwaltung Verkehr der Deutschen Wirtschaftskommission noch insgesamt 200 000 DM zur Verfügung gestellt. Die Großmutter Dorn versuchte, sich und die Waisen mit einer Art "Mittagstisch" für Nauener und Arbeiter von außerhalb

 

durchzubringen. Später, nach 1950, siedelten sie um. Meine Cousine lebt jetzt als pensionierte Pfarrerin in Paris, ein Cousin starb in den 90er-Jahren, ein weiterer Cousin ist pensionierter Lehrer in Husum. Helmut Preuß ging nach Beendigung seiner Lehre nach Nauen, wo er seine spätere Frau traf, die beim Fernmeldeamt arbeitete. Ihm war die tägliche Fahrt von Brieselang nach Nauen zuvierl. Dort fand er sofort Anstellung bei einem Uhrmacher. Heute wohnt er mit seiner Frau in Berlin-Wilmersdorf.

 Auf den ersten Teil des Beitrags hat sich am Freitag Bruno Helbig aus Brieselang gemeldet. Der damals 10-jährige saß mit seiner Mutter und seiner drei Jahre jüngeren Schwester auch in dem Zug, zu ihrem Glück in der Mitte, "weil in Brieselang, wo wir einstiegen, in der Höhe der Fahrkartenschalter war und der Zug schon im Bahnhof stand". Sonst stieg die Familie auch lieber vorne ein, da die Wagen besser beheizt waren. Verletzt wurde Bruno Helbig nicht. "Ich verlor nur meine neue Schiebermütze, die war ja ein Heiligtum." Er ist heute noch erleichtert, nicht vorne eingestiegen zu sein.

Hinweis: Wer damals auch bei dem Zugunglück dabei war oder aber Angehörige hat, die davon betroffen waren, kann sich an die MAZ wenden.
Kontakt: (0 33 22) 25 47 12

 
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